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Ausstellungsorte in Chur: Skulpturenpark / Forum Würth / Bündner Kunstmuseum

Chur
Bündner Kunstmuseum
Transversal – Landschaften aus der Sammlung
bis 24. November 2019

Aus Anlass des hundertsten "Geburtstages" des Museums öffnet man die Sammlung u. a. mit dem Fokus auf Landschaft. Ohne sich auf die Landschaftsmalerei zu beschränken, sollte man allerdings seinen Besuch angehen, denn auch die übrigen Kunstwerke, ob von Kirchner, Scherer, Müller oder Giacometti sind es wert, in Augenschein genommen zu werden. Neben dem Werk der aus Chur gebürtigen Künstlerin Angelika Kauffmann sind auch die Arbeiten der Künstlerfamilie Giacometti im Museum präsent, abgesehen von Werken des Expressionismus und der Bündner Kunst.

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Hans Danuser, Fotografien aus "Dreiteiliger Versuch zu grosser Wandbild Ausstellung Wildwechsel I, II, III", 1993 ©Künstler Monica Ursina Jäger, Installation "liquid territory", 2019, ©Künstlerin Bündner Kunstmuseum, Thomas Strub

Die Landschaft, auch und insbesondere die Ideallandschaft, ist eine Erfindung der Kunst. Sie galt über Jahrhunderte gegenüber der Porträtkunst als eher minderwertig. Künstlerinnen und Künstler setzten sich mit Ansichten, Panoramen, Topografien und spezifischen Orten auseinander und prägten so auch unsere Vorstellungen von der Landschaft mit. In der Sammlungspräsentation TRANSVERSAL werden zusammen mit ausgewählten Leihgaben verschiedene Aspekte von Landschaftsdarstellungen thematisiert. Gezeigt werden Arbeiten u. a. von Giro Annen, Guido Baselgia, Otto Dix, Gerber/Bardill, Giovanni und Alberto Giacometti, Michel Grillet, Ferdinand Hodler, Monica Ursina Jäger, Heiner Kielholz, Ernst Ludwig Kirchner, Anne Loch, Jules Spinatsch, Jürg Stäuble und Albert Steiner.


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Ernst Ludwig Kirchner, Selbstbildnis, 1934/37 Öl auf Leinwand, 84 x 61 cm Bündner Kunstmuseum Chur, Ankauf Foto: Stephan M. Schenk
©Bündner Kunstmuseum Chur

 

Ernst Ludwig Kirchner, der ja zeitweilig in Davos gelebt hat, ist in der Sammlung mit einem Selbstbildnis vertreten. Es zeigt den Künstler vor einem Hintergrund, der dem kompositorischen Repertoire des Fauves entsprungen scheint: Üppig sind die dekorativen Muster, Ein Schoßhündchen erblickt man neben Kirchner, der nur eine ausgebildete Gesichtshälfte hat. Von Kirchner stammt auch die Reiterskulptur aus Arvenholz, eigentlich als Tischfuß gedacht, wie man der Beschreibung entnehmen kann.


Das Konzept der „gefühlten Farben“, das vor allem die Künstler der „Brücke“ miteinander verband, findet sich bei Hermann Scherer und dem Porträt von zwei Mädchen, deren Gesichter eher maskenhaft und in Maskerade erscheinen. Grün- und Rosastufen verwandte der Künstler für den Teint der Mädchen. Grell sind auch die Farben der Kleidung. Eine feuerrote Jacke wird über einem tiefblauen Kleid getragen, so bei einem der Mädchen. Beim anderen stoßen Petrolgrün auf Zartrosa (Bluse) und Lila (Strümpfe). Ähnliche „Farbexplosionen“ entdecken wir bei Paul Carmenisch, der zwei nackte Frauen am Waldrand auf die Leinwand gebannt hat: Sie erscheinen wie ausgeschnittene Figuren in Lila-Weiß und Grüngelb. Der Nadelwald ist in Lila getaucht. Die Stämme des Nadelgehölzes schimmern rötlich. Berggipfel erstrahlen in orangefarbenem Licht.

 

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Giovanni Giacometti, Sonniger Hang mit Ziegen und Schafen, 1900 Öl auf Leinwand, 115 x 80 cm Bündner Kunstmuseum Chur, Ankauf Foto: Stephan M. Schenk ©Bündner Kunstmuseum Chur


Skizzenhaft erscheint die Arbeit „Mädchen in Bergwiese“ von Albert Müller. Der Gesichtsteint ist grünblau und reibt sich mit dem Burgunderrot der Kleidung. Hermann Scherer präsentiert in „Waldweg“ ein Feuerwerk der Farben: Tintenblau nebst Feuerrot, Blutrot neben Zitronengelb. Teilweise erscheint die Landschaft als mosaikgleiche Collage. Kirchners „Berge und Häuser im Schnee“ ist eine weitere Landschaft, die so gar nichts mit akademisch-naturalistischer oder realistischer Malkunst gemein hat. So trifft ein petrolgrüner Himmel auf eine taubenblaue Bergkulisse unter weißen Schneekappen. Almhütten sind auszumachen und ein Kirchlein mit blauer Bedachung auf einer Anhöhe. Zu sehen ist außerdem Kirchners hochformatiges Gemälde einer Landschaft: Auf einem Waldweg sind zwei Frauen und ein Mann unterwegs. Ein Gebirgsbach ergießt sich in die Landschaft. Violett schimmern Teile des Gehölzes. Grünen Riesentropfen gleichen die Baumkronen; gelbe Himmelsschlieren bilden den Hintergrund.

 

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Daniel Schwartz, "Vadret da Morteratsch", 7. Juli 2016, ©Künstler Skulptur "Ohne Titel" von Giro Annen, 2014, ©Künstler Bündner Kunstmuseum, Thomas Strub


Augusto Giacometti ist in der Sammlung mit „Erinnerung an die italienischen Primitiven II“ präsent. Diese Arbeit gleicht einem getupften „Farbenmeer“ in Hellrot, Gelb, Grün und Blau. Beim Anblick drängen sich Parallelen zu Ernst Nays non-figurativen Arbeiten auf. Szenen einer Großstadt fing der Künstler mit „Die Bar Olympia“ 1928 ein. Doch wo sind die Trinker, die Lebemänner, die begehrten Bardamen? Die blauen Barhocker sind nicht besetzt. Von einem weiteren Giacometti, nämlich Giovanni Giacometti, stammt das Gemälde „Sonniger Hang mit Ziegen“. Der feine Strichduktus ist kennzeichnend für die Ausführung der Arbeit. Obendrein können wir auch Giacomettis „Primavera“ (1901) bestaunen: Eine tiefhängende Wolkenbank erblicken wir ebenso wie violette Feldflächen und das Sattgrün einer Weide, durchzogen von dem Gelb des Löwenzahns. Oder ist es doch Hahnenfuß?


In die Nähe zum Pointillismus gerückt, ist Giacomettis Winteransicht. Dabei vereint sich das lichte Smaragdgrün des Himmels mit dem zarten Tintenblau der Bergwelt. Poetisch-mystisch wirkt dagegen Ferdinand Hodlers Ansicht vom Genfer See. Beinahe im Duktus altdeutscher Malerei schuf Otto Dix seine „Winterlandschaft“.

 

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Aquarelle von Beatrix Sitter-Liver, 1993, ©Künstlerin Granit-Skulptur "Ohne Titel" von Ulrich Rückriem, 1990, ©Künstler Bündner Kunstmuseum, Thomas Strub


Welch ein Kontrast ist dazu die Land Art eines Richard Long, der Basaltgestein zu einem länglichen Rechteck zusammengesetzt hat. „Alpine Line“ entstand 1991. Nein, nicht Karnickelköddel und auch nicht Schokolade verwandte Dieter Roth für sein Werk „Vom Rhein“. Er nutzte schwarzen Sand und kaputtes, aussortiertes Kinderspielzeug, um seine Rheinlandschaft zu komponieren.


Irritierend ist die Schärfe über die gesamte Fotobildfläche, die uns Fiorio Puenter präsentiert. So streift das Auge auf der Suche nach einem Fokus hin und her, entdeckt zwei Seen und Berghütten, aber kann nicht auf einem Bildausschnitt ruhen. Lineare Strukturen stehen im Mittelpunkt von Lenz Klotz‘ Komposition „Gräuling“, die ein wenig an einen Röhrrichtsaum erinnert. Zugleich wohnt dem Werk ein konstruktivistischer Moment inne. Ohne Titel geblieben ist eine Schöpfung von Rolf Iseli, einem hellblauen Knäuelgewirr gleichend, das durch schwarze Linien „aufgesprengt“ wird.

 

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Florio Puenter, Lej da Segl, 2009 Cibachrome, 2/6, 118 x 168.5 x 4 cm
(mit Rahmen) Bündner Kunstmuseum Chur, Ankauf Foto: Stephan M. Schenk © Bündner Kunstmuseum Chur


Ja, auch der wohl berühmteste Giacometti, nämlich Alberto Giacometti, ist in der Sammlung vertreten, allerdings nicht mit einer Landschaft, sondern mit seinen Figuren, die eine tektonische Oberfläche, aber kaum Volumen aufweisen, so u.a. „Eli Lotar II“ und „Büste von Silvio“.


Nach einer Exkursion in die Bildwelten von Alberto Giacometti wenden wir uns wieder dem Thema „Landschaft“ zu: Ulrich Rückriem ist mit einem naturbelassenen Stein in der Ausstellung gegenwärtig. Eine Buddha-Miniatur mit Berg und Sonne schuf Michael Grillet. Lej Nair zeigt uns seine Sicht des Berninapasses, während sich Jules Spinatsch mit „Snow Management, Applied Landscape Unit PAMM“ befasste, Landschaftsmodifizierungen im Winter durch Maschinerie und Menschenhand.


Dieser Aspekt der Gegenwartskunst, die im wesentlich der Fotografie und Videoproduktion den Vorrang gibt, stehen im Kontrast zu Gemälden des Expressionismus, auf die wir beim Ausstellungsbesuch immer wieder treffen, so auch auf Albert Steigers „Winterlandschaft bei Maloja“ oder „Winterabend, Oberengadin“. So schließt sich durchaus ein Bogen von den Landschaftsansichten des Expressionismus zur aktuellen Moderne.

 

Text: © ferdinand dupuis-panther

Informationen
Bündner Kunstmuseum
http://www.buendner-kunstmuseum.ch

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